Archiv der Kategorie: Clemens K. Thomas

Kompositionsstudent an der Musikhochschule Freiburg

Umbaupause

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Wir arbeiten unter Hochdruck…

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Am fremden Himmel…

Was „Rising Stars“ über unsere Musikkultur und die Musikhochschulen im Ländle sagt

Zuerst sei deutlich gesagt, um was es hier nicht gehen soll: die Musik. Es soll nicht um die Darbietung der jungen Künstlerinnen und Künstler gehen, nicht um die Interpretation des Dirigenten, den Klang des Orchesters und nicht um alles andere, das gewohnterweise in einer Konzertkritik thematisiert wird. Dies könnte ich, selbst wenn ich es wollte, auch nicht beurteilen: den „Rising Stars“-Konzerten bin ich ferngeblieben. Das hatte Gründe, doch dazu später mehr. Vielmehr soll hier die Aussage des Festivals hinterfragt werden. Was sagt es über „den Klassikmarkt“ und die Ausbildung für ebendiesen Markt (diese Funktion scheinen Musikhochschulen heute zu haben) aus? Und: ist das wirklich der Himmel, an den ich glaube und den ich liebe – oder wo gehen diese Sterne auf?
„Rising Stars“, um das komprimiert zusammenzufassen, sind Studierende aus den Solistenklassen, „die Besten unserer Hochschulen in Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart“ (Grußwort von Dr. Rüdiger Nolte). Es geht um das „virtuose Spiel“ und „die Werke selbst“. Im Mittelpunkt der Konzerte stehen also Einzelgänger, die eher selten in den Hochschulen anzutreffen sind – außer vielleicht auf den Bildschirmen, die ihre neuen Wettbewerbserfolge verkünden. Stichwort „Hauptfach Tunnelblick“. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Hochschulen durch die „Rising Stars“ ihre Exzellenz unter Beweis stellen wollen. Oder sich vielleicht genötigt fühlen, dies zu tun (der Landesrechnungshof lässt grüßen).
Es ist, das kann man nicht anders sagen, traurig, dass die Hochschulen an einem derart überkommenen Exzellenzbegriff und einem Selbstverständnis als Bildungsinstitution festhalten, das nicht dem 21., sondern dem 20. Jahrhundert entspricht. Die „Besten“, die besonders Wertgeschätzten, sind die Solisten, die in höchster Perfektion reproduzieren können. Verbunden mit einem hübschen Festival (üppig finanziert von einer Bank), ergibt sich der wahre Kern ebendieses Exzellenzbegriffes: Sind Festivals „Attraktionen gehobener Geselligkeit“ (ebenfalls Rektor Nolte, in seiner Semestereröffnungsrede), bei denen fein gekleidete Damen und Herren herausragenden, exzellenten, jungen Künstlern lauschen und sich in der Pause bei einem Gläschen Sekt an der Hochkultur berauschen, dann ist diese Art der Exzellenz mit Kulturheuchelei , Lachsbrötchen in der Pause und dem Repräsentationsbedürfnis eines elitären, überalterten Bildungsbürgertums gleichzusetzen.
An sich wäre nichts dagegen einzuwenden, herausragende Studierende zu unterstützen und ihnen Chancen zu bieten – im Gegenteil! -, wäre, und leider steht hier ein Konjunktiv II, wäre ein solches Festival Teil einer vielfältigen Kultur- und einer bunten Hochschullandschaft; würden andere Konzerte (Kinder- oder Benefizkonzerte beispielsweise) oder innovative, kooperative, sowie interdisziplinäre Projekte und Formate mit dem gleichen Aufwand, sowohl das Budget wie auch die Öffentlichkeitsarbeit betreffend, wertgeschätzt. Durch dieses einseitige Festivalkonzept entsteht der Eindruck, dass die Musikhochschulen nicht mehr zu bieten hätten als perfekte Maschinen – oder zumindest nur diese mit Stolz der Öffentlichkeit präsentieren.
„Rising Stars“ hat mit der Mehrzahl der Studierenden rein gar nichts zu tun: Ausgewählte Solisten spielen in Begleitung eines aus Polen eingekauften Orchesters. Nochmal sei an dieser Stelle betont, dass ich damit keine Aussage über die musikalische Darbietung machen möchte. Es geht um das Prinzip: dass in Exzellenzinitiativen und nicht in Innovation oder interne Kooperation investiert wird. (Apropos interne Kooperation: Warum werden die Solisten nicht von den Hochschulorchestern begleitet?)
Hartmut Welscher, Herausgeber der VAN, hat es in einem Artikel über den Echo Klassik und die damit verbundene Starkultur auf den Punkt gebracht: „Das Problem ist nicht, dass der Echo Klassik so ist wie er ist. Das Problem ist, dass die Klassikkultur in vielem so ist wie der Echo Klassik.“ Das „Rising Stars“-Festival ist eine Erscheinungsform dieses Problems: Möglichst junge, gut aussehende, vielversprechende Musikerinnen und Musiker meistern, einem Leistungssportler gleich, die höchsten Hürden mit Leichtigkeit. Bewundernswert, der Mensch als technische Attraktion! Über ein streng kanonisiertes Repertoire, ritualisierte und steife Konzertformate, sowie überalterte Zuschauerstrukturen braucht man sich hier nicht zu wundern.
Nein, danke. Das ist weder die Musikkultur, die ich mir wünsche, noch hat es etwas mit der Musikhochschule zu tun, an der ich studiere. Wenn es mir um die Werke ginge, könnte ich sie, genauso perfekt gespielt, zuhause auf Spotify oder Youtube anhören. Und auf Lachsbrötchen mit feinen Damen und Herren, die meine legere Kleidung mustern, habe ich nicht wirklich Lust.
Doch ich habe einen Wunsch. Nämlich, dass „Rising Stars“ ein einmaliges, politisches Symbol war und in Zukunft etwas Sinnvolles mit dem Geld getan wird, welches die Sparda Bank dankenswerterweise zur Verfügung stellt. Zum Beispiel könnten Fördertöpfe für studentische Initiativen entstehen, die die Musikkultur im Allgemeinen und die Hochschulen im Speziellen nachhaltig und in in ihrer Vielfalt bereichern. Das Einmalige an den Musikhochschulen sind nämlich nicht die herausragenden Leistungen einzelner. Eine Hochschule ist dann einmalig, wenn sie sich als Ort des Austauschs, der Reflexion, der Vielfalt und somit auch der Demokratie – als ein Teil der Gesellschaft – versteht. Wahrscheinlich ist auch hier die korrekte Formulierung: Eine Hochschule wäre dann einmalig, wenn sie dieses Selbstbild hätte.
In diesem Text sollte nicht die Musik im Vordergrund stehen, da ich beim „Rising Stars“-Festival die Musik ebenfalls als Nebensache betrachte. Vielmehr ist dieses Festival ein politisches Signal und dient der Imagepflege der drei größten Hochschulen des Landes. Die Botschaft lautet: „Schaut her, bei uns gibt es sie, die Exzellenz.“ Betrachtet man diese Aussage gewissermaßen als Antwort auf die „Zukunftskonferenzen Musikhochschule“ und den dadurch gestarteten Dialogprozess, kann man nur betrübt den Kopf schütteln. Scheinbar habe ich mich geirrt als ich dachte, die fünf Musikhochschulen des Landes seien schon etwas weiter…