Märchen vom Auszug aller Ausländer

Mit dieser sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregenden Geschichte wünschen wir allen ein frohes Weihnachtsfest.

Es war einmal etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer „Ausländer raus!“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Bürgerhäusern waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen. „Los, kommt, es reicht, wir gehen.“ „Wo denkst du hin! Was sollen wir denn da unten im Süden?“ „…da unten? Das ist immerhin unsere Heimat. Hier wird es immer schlimmer. Wir tun einfach das, was an der Wand geschrieben steht: ‚Ausländer raus!‘“ Tatsächlich, mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf: Zuerst kamen die Kakaopäckchen heraus mit den Schokoladen und Pralinen in ihren Weihnachtsverkleidungen. Sie wollten nach Ghana und Westafrika, denn da waren sie zu Hause. Dann der Kaffee, palettenweise, der Deutschen Lieblingsgetränk; Uganda, Kenia und Lateinamerika waren seine Heimat. Ananas und Bananen räumten ihre Kisten, auch die Trauben und die Erdbeeren aus Südafrika. Fast alle Weihnachtsleckereien brachen auf, Pfeffernüsse, Spekulatius und Zimtsterne, denn die Gewürze in ihrem Inneren zog es nach Indien. Der Dresdner Christstollen zögerte. Man sah Tränen in seinen Rosinenaugen, als er zugab: „Mischlingen wie mir geht’s besonders an den Kragen.“ Mit ihm kamen das Lübecker Marzipan und die Nürnberger Lebkuchen. Nicht Qualität, nur Herkunft zählte jetzt. Es war schon in der Morgendämmerung, als die Schnittblumen nach Kolumbien aufbrachen und die echten Pelzmäntel mit Gold und Edelsteinen an ihrer Seite in teuren Chartermaschinen in alle Welt starteten. Der Verkehr brach an diesem Tag zusammen. Lange Schlagen japanischer Autos, vollgestopft mit Optik und Unterhaltungselektronik, krochen gen Osten. Am Himmel sah man Weihnachtsgänse nach Polen fliegen, auf ihrer Bahn gefolgt von den feinen Seidenhemden und den Teppichen aus dem fernen Asien. Mit Krachen lösten sich die tropischen Hölzer aus den Fensterrahmen und schwirrten zurück ins Amazonasbecken. Man musste sich vorsehen, um draußen nicht auszurutschen, denn von überall quollen Öl und Benzin hervor, flossen zu Bächen zusammen und strömten in Richtung Naher Osten. Doch man hatte bereits Vorsorge getroffen. Stolz holten die großen deutschen Autofirmen ihre Krisenpläne aus den Schubladen: Der alte Holzvergaser war ganz neu aufgelegt worden. Wozu ausländisches Öl?! Aber es half nichts, die VWs und die BMWs begannen sich aufzulösen in ihre Einzelteile, das Aluminium wanderte nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Zaire. Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt im Verbund auch immer ein besseres Bild abgegeben als heute. Nach drei Tagen war der Spuk vorbei, der Auszug geschafft – gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Nichts Ausländisches war mehr im Land. Aber Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse. Und „Stille Nacht“ durfte gesungen werden – wenn auch mit Extragenehmigung, das Lied kam immerhin aus Österreich. Nur eines wollte nicht so recht ins Bild passen. Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden. Ausgerechnet! „Wir bleiben!“, sagte Maria, „Wenn wir aus diesem Land weg gehen – wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen, den Weg zurück zur Zukunft und zur Menschlichkeit?“

von Helmut Wöllenstein

Universitas Litterarum

„Unsre Bestimmung ist, die Gegensätze richtig zu erkennen, erstens nämlich als Gegensätze, dann aber als die Pole einer Einheit.“
Um die Einheit aller Dinge, um die Verbindung von Kunst und Wissenschaft und der Künste untereinander – darum geht es in „Das Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse. In seinem letzten Roman entwirft der Autor einen Staat im Staat, Kastalien genannt. In diesem wird das Glasperlenspiel gespielt. Er stellt eine heile Welt dar, isoliert von der eigentlichen Welt mit ihren Wirren und Problemen. Zudem beschreibt er das Leben des Josef Knecht, der zunächst nach Kastalien berufen wird, die dortige Eliteschule durchläuft und sich verschiedenen Studien widmet. Später steigt er zu einer sehr prominenten Position der kastalischen Hierarchie auf und wird Glasperlenspielmeister. Gegen Ende seines Lebens verlässt er freiwillig die Provinz, um ein neues Leben in der Welt außerhalb des gehegten Kleinstaates anzufangen.

Hermann Hesse (1877-1962)
Hermann Hesse (1877-1962)

Kastalien erscheint als paradiesischer Ort: Es gibt zwar eine klare Hierarchie, aber innerhalb dieser Ordnung gibt es sehr viel Freiheit. Jeder Student kann sich in die entlegensten Gebiete vertiefen und sich mit den unmöglichsten Fragestellungen beschäftigen. Jede Kunst und jede Wissenschaft wird gepflegt und vertieft, beispielsweise Mathematik, Philologie, Astronomie, Kunsthistorik, Musik, Pädagogik. Daneben spielt die Meditation eine entscheidende Rolle. Sie soll dazu verhelfen, bei allem Studieren, aller geistiger Übung und allen Gedankenspielen immer wieder zur Ruhe zu kommen, sich zu sammeln und zu versenken. Kastalier wechseln sozusagen permanent zwischen Versenkung und hoher Aktivität hin und her. Diese Aktivität, sowie eigentlich das gesamte Leben, wird auf den Geist ausgerichtet und soll weg von der eher primitiven, tierischen Natur des Menschen führen. Das sogenannte Glasperlenspiel schließlich ist sozusagen die Krönung des Systems. In ihm werden sämtliche Disziplinen miteinander verbunden. Da wird beispielsweise der formale Aufbau eines Musikstücks mit dem Bau eines alten chinesischen Hauses verglichen. Ein mathematisches Problem wird einer Sternenkonstellation gleichgestellt. Das Versmaß bei Goethe wird mit altorientalischen Schriftzeichen verglichen. Die Vergleiche werden in Symbole und in die Sprache des Glasperlenspiels übersetzt. Hierzu ein Ausschnitt aus dem Roman: „Wir sezierten an einem sprachgeschichtlichen Problem herum und sahen gewissermaßen dem Höhepunkt und der Glanzzeit einer Sprache aus der Nähe zu, gingen in Minuten einen Weg mit ihr, zu dem sie einige Jahrhunderte gebraucht hatte, und mich packte das Schauspiel der Vergänglichkeit gewaltig an: wie da vor unsern Augen ein so komplizierter, alter, ehrwürdiger, in vielen Generationen langsam aufgebauter Organismus zu seiner Blüte kommt, und die Blüte schon den Keim des Verfalls enthält, und der ganze sinnvoll gegliederte Bau zu sinken, zu entarten, dem Untergang entgegenzuwanken beginnt – und zugleich durchfuhr es mich mit einem Zuck und freudigen Schrecken, dass dennoch der Verfall und Tod jener Sprache nicht ins Nichts geführt hatte, dass ihre Jugend, ihre Blüte, ihr Niedergang in unserem Gedächtnis, im Wissen um sie und ihre Geschichte, aufbewahrt und dass sie in den Zeichen und Formeln der Wissenschaft sowohl wie in den geheimen Formulierungen des Glasperlenspiels fortlebe und jederzeit wieder aufgebaut werden könne. Ich begriff plötzlich, dass in der Sprache oder doch mindestens im Geist des Glasperlenspiels tatsächlich alles allbedeutend sei, dass jedes Symbol und jede Kombination von Symbolen nicht hierhin oder dorthin, nicht zu einzelnen Beispielen, Experimenten und Beweisen führe, sondern ins Zentrum, ins Geheimnis und Innerste der Welt, in das Urwissen. Jeder Übergang von Dur zu Moll in einer Sonate, jede Wandlung eines Mythos oder eines Kultes, jede klassische, künstlerische Formulierung sei, so erkannte ich im Blitz jenes Augenblicks, bei echter meditativer Betrachtung, nichts andres als ein unmittelbarer Weg ins Innere des Weltgeheimnisses, wo im Hin und Wider zwischen Ein- und Ausatmen, zwischen Himmel und Erde, zwischen Yin und Yang sich ewig das Heilige vollzieht.“

Ein Beispiel, das sicherlich gut zu diesem Prinzip passt, ist der Music Garden in Toronto. Mitten in dieser kanadischen Großstadt hat der Cellist Yo-Yo Ma einen Garten entworfen, dessen Aufbau die erste Suite für Cello solo von Johann Sebastian Bach symbolisiert.
Ein Beispiel, das sicherlich gut zu diesem Prinzip passt, ist der Music Garden in Toronto. Mitten in dieser kanadischen Großstadt hat der Cellist Yo-Yo Ma einen Garten entworfen, dessen Aufbau die erste Suite für Cello solo von Johann Sebastian Bach symbolisiert.

Die einzelnen Wissenschaften und Künste bleiben dadurch lebendig, dass sie sich mit anderen im Austausch befinden, ja mit ihnen verbunden sind; dass sie sich selbst immer wieder in Frage stellen und auch den Gedanken der Einheit immer wieder neu denken. Dies beschwingt, verjüngt und stärkt. Alles wird immer weiter entwickelt, verfeinert, vertieft. Es gibt kein Ende. Es geht nicht darum, sich im eigenen Erfolg zu sonnen oder hochgezüchtete Fähigkeiten zu genießen, sondern es wird eine Universalbildung angestrebt. Objektivität und Wahrheitsliebe auf der einen Seite, sowie meditative Weisheit und Harmonie auf der anderen Seite bilden die beiden Prinzipien von Kastalien.
Alles Lebende muss wachsen und wieder abnehmen, Proben bestehen und Wandlungen durchmachen. Wenn sich etwas nicht mehr weiter entwickelt, ist es zum Untergehen bzw. Absterben verurteilt.

Wie schön, den Gedanken der Einheit bei der Semestereröffnungsfeier aus dem Munde unseres Rektors Rüdiger Nolte zu hören: „Künstlerisch und pädagogisch, künstlerisch und wissenschaftlich – das mögen anderswo Gegensätze sein, in unserem Hause sind sie es nicht.“
Wie schön, den Gedanken der Einheit bei der Semestereröffnungsfeier aus dem Munde unseres Rektors Rüdiger Nolte zu hören: „Künstlerisch und pädagogisch, künstlerisch und wissenschaftlich – das mögen anderswo Gegensätze sein, in unserem Hause sind sie es nicht.“

Aber es gibt auch einen Grund dafür, dass der Glasperlenspielmeister Josef Knecht sein geliebtes Kastalien verlässt. Es gibt auch negative Aspekte der Provinz: Personen in ihrer Persönlichkeit spielen nur eine untergeordnete Rolle. Personen werden zu Ämtern, zu Funktionen, zum vollkommenen Teil der Hierarchie, zu herangezüchteten Werkzeugen. Eigene Bedürfnisse müssen hintangestellt werden, eigene Meinungen erscheinen verwegen. Es ist verpönt, etwas Neues zu schaffen. Kein Kastalier komponiert ein Stück oder schreibt ein Gedicht. Es wird nur mit bereits Vorhandenem gespielt. Sämtliches geistiges Wissen, aus allen vergangenen Zeiten und von allen Orten der Welt, wird immer genauer durchdrungen und neu kombiniert. Aber dadurch lebt man in der Vergangenheit. Kastalien nimmt sozusagen nicht an der Wirklichkeit teil. Es versucht, sich gegen die Zeit – und damit gegen die Geschichte – abzuschotten. Es betrachtet die Wissenschaft als tote Materie. Auf diese Weise ist die scheinbar so heile Welt gewissermaßen unfruchtbar.
Wenn ich mir den Kommentar erlauben darf: Dies weist erstaunliche Parallelen zu unserer heutigen kulturellen Welt auf. Die meisten Musiker beschäftigen sich nur mit Meisterwerken, die ca. zwischen 70 und 300 Jahren alt sind. Diese Beschäftigung geschieht sehr gründlich und mit sehr viel Hingabe. Aber es wird nichts Neues und nichts Eigenes geschaffen. Auch auf den meisten Konzertprogrammen sind nur Werke aus der genannten Zeitspanne zu finden. Somit wird auch das Publikum zu der ausschließlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit erzogen. Müssen wir uns da nicht an den eigenen Kopf fassen, umdenken und uns mehr auch unserer Gegenwart zuwenden?
Noch einmal zum Glasperlenspiel, Hesses letztem Roman: Josef Knecht verlässt also Kastalien. Er möchte am liebsten Lehrer in einer kleinen Dorfschule und an der Basis bei den Allerjüngsten tätig sein, die in ihrem Denken noch nicht festgefahren sind. „Lehrer brauchen wir nötiger als alles andre, Männer, die der Jugend die Fähigkeit des Messens und Urteilens beibringen und ihr Vorbilder sind in der Ehrfurcht vor der Wahrheit, im Gehorsam gegen den Geist, im Dienst am Wort.“
Am Beispiel von Knechts Leben stellt Hesse außerdem das Thema Transzendenz bzw. Entwicklung in den Vordergrund. Das Leben verläuft nicht geradlinig, sondern vielleicht in einem Kreis oder in einer Spirale. Ob man geführt wird oder ob man selbst die Entscheidung zum Gehen, Abbiegen, Stehenbleiben trifft, ist eine andere Frage. Aber in jedem Fall geht es um das stetige Voranschreiten, durch einen Lebensraum zum nächsten, von einer Lebensstufe zur nächsten. So möchte ich zum Schluss das vollständige Gedicht „Stufen“ von Hesse anfügen:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Sämtliche Zitate sind der Ausgabe „Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel. Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften herausgegeben von Hermann Hesse, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1979“ entnommen.

…Ende?

Überlegungen nach der Spardebatte an den Musikhochschulen Baden-Württembergs

Einen großen Schreck lösten die angekündigten Sparmaßnahmen an den Musikhochschulen Baden-Württembergs vor über zwei Jahren aus. Noch vor gut einem Jahr schien unklar, wie und ob Kürzungen stattfinden würden. Die von der hiesigen Kultusministerin ab Januar 2014 einberufene „Zukunftskonferenz“ sollte einen Rahmen bieten über berufliche Perspektiven von Musikstudierenden, Musikvermittlung, Schulmusik, Jazz/Pop und Weltmusik sowie „Qualität und Vollangebot“ zu diskutieren. Während der Abschlussveranstaltung, die im letzten November in Stuttgart stattfand, tat die Bildungsministerin, Theresia Bauer, kund, dass die Kürzungen von fünf Milliarden nun nicht mehr zur Debatte stünden. Vielmehr wolle man eine „Beibehaltung aller Standorte, Qualitätsorientierung, Profilierung und Arbeitsteilung“ garantieren.

Sicherlich war das für viele eine riesige Erleichterung, obgleich schon vorher zwischen den Zeilen zu lesen war, dass sich die für die Musikhochschulen vorgesehenen Kürzungsvorschläge des Landesrechnungshofs von 2013 nicht durchsetzen lassen würden. Aus Sicht derer, die von der Notwendigkeit einer Beibehaltung, ja Förderung musikalischer und kultureller Bildung überzeugt sind, gehört es zum Mindesten, dass auch die Musikhochschulen, und zwar als staatlich getragene Institutionen, diese wichtige Aufgabe behalten und weiterhin erfüllen müssen. Damit, so könnte man meinen, hat die Spardebatte der Musikhochschulen schließlich und endlich ein glückliches Ende gefunden.

Wer hier allerdings einen Punkt macht, übersieht das wesentliche: Zwar ging es bei der ganzen Debatte vordergründig um Einsparungen und Effizienzsteigerungen – über deren Notwendigkeit ja durchaus zu streiten ist. Viel wichtiger aber scheint zu fragen, wie es überhaupt dazu kommt, dass Einrichtungen wie Musikhochschulen, politisch und offenbar auch gesellschaftlich ihren Stellenwert verlieren. Ertrinkt die Gesellschaft in einer massenmedialen Überflutung mit Kitsch, die keine Möglichkeiten, keinen Raum mehr lässt, einen guten, differenzierten Geschmack auszubilden? Kommt die klassische Musikkultur hier nicht mehr hinterher oder etwa dagegen an? Verliert die „Hochkultur“ ihren Stellenwert, weil sie zu anspruchsvoll ist? Und was wären die Konsequenzen: Braucht es vielleicht eine stärkere Vermittlung, ein „Hineintragen“ unserer Kunst in die Gesellschaft? So mancher selbst ernannte Künstler mag sich bei diesem Gedanken provoziert fühlen, sehen sich schließlich nicht wenige als verkannte Opfer von scheinbarem Unverstandes der „Anderen“.

Eine Erkenntnis aus der „Bedrohung“ der Musikhochschulen durch die in den letzten Jahren angedrohten Sparmaßnahmen war die, dass vieles von dem was in der Hochschule stattfindet gesellschaftlich tatsächlich zu wenig Resonanz findet. Die zentralen Fragen, die sich daraus ergeben, lauten meines Erachtens: Inwiefern kann und soll künstlerisches Schaffen überhaupt gesellschaftlich bedeutend, ja bereichernd sein? Worin zeigt sich eine gelungene Kommunikation zwischen „der Musik“ und „den Menschen“? Wie reflektiert das eine das andere? Worin liegt das Potential einer im doppelten Sinn klassisch orientierten Musikhochschule, um kulturell zu bereichern, ja kulturschaffend zu sein?

Der Asta, ein Kollektiv von acht gewählten Studierenden, setzt sich bekanntermaßen das Ziel, im Sinne der Studierenden das Hochschulleben und deren Entwicklung mit zu gestalten: Im Senat, durch das Organisieren von Partys, Spielekisten, Übungsraum-Regelungen usw. Ein gelungenes Engagement findet allerdings nicht nur im formalen Vertreten von Studierendeninteressen statt. Vielmehr zeigt sich ein wirklich musikalisches Engagement von Musikern in jeglichem künstlerischen Schaffen selbst. Denn eine künstlerische Tätigkeit ist bereits Engagement im Sinne einer sozial-sinnstiftenden Tätigkeit. Diese basiert immer auf einem Austausch mit anderen. Durch die Routine des hochschulischen Alltags wird aber oft vergessen danach zu fragen, für wen – außer für sich selbst – man eigentlich musiziert, wen und warum es überhaupt interessiert, was man macht. In diesem Zusammenhang scheint mir wichtig, dass gerade diejenigen Studierenden zu Wort kommen können, die ihr Studium auch als eine wirkliche, lebendige und vorsichgehende musikalische Kommunikation verstehen.

Momentan findet an der Freiburger Musikhochschule im Bereich der Lehrenden ein Generationenwechsel statt, der viele neue Ideen und neuen Wind mit sich bringt. Außerdem steht, in Kooperation von Pädagogischer Hochschule und Universität, die Gründung eines neuen Instituts in Aussicht. Für das Ressort „Entwicklung“ ist eigens eine neue Rektoratsstelle eingerichtet worden. Das alles stimmt erwartungsvoll. Nichtsdestotrotz wird nur die jüngere Generation der Studierenden dazu in der Lage sein, diese Einrichtung lebendig zu machen, indem sie die vorhandenen Möglichkeiten aneignen und wieder neue Ideen verwirklichen.

Die Spardebatte mit ihren Symposien, ein gut vernetzter Protest und viele öffentliche Diskussionen haben angesichts des vom Landesrechnungshof anvisierten „Verwüstungsszenarios“ der Baden-Württembergischen Musikhochschulen einen konstruktiven Ausgang gefunden. Das Nachdenken darüber, was in unserem Studium tatsächlich stattfindet, welche Wirkung wir über uns selbst hinaus wollen und welche gesellschaftliche Relevanz und Resonanz sinnvoll sein könnte, sollte damit jedoch keinesfalls zu Ende sein.

Für wen musizieren wir eigentlich?

Der Beitrag des AStA der Musikhochschule Freiburg zur Semestereröffnungsfeier am 12. Oktober 2015:

Wir als AStA haben uns in der vergangenen Woche gefragt, wer sind wir eigentlich? Was machen wir und wozu stehen wir? Das ist nicht gerade leicht zu beantworten, ist doch unser Handlungsspektrum ziemlich weitläufig. Wir haben uns in den letzten Tagen trotzdem auf drei zentrale Aspekte fokussiert, die uns besonders wichtig sind:
1. Der AStA sorgt dafür, die Meinungen der Studierenden in hochschulpolitische Prozesse miteinzubeziehen – wir wollen gehört werden, und auch unsere Ideen sollen verwirklicht werden können.
2. Der AStA sorgt für ein selbstständiges und verantwortungsvolles Miteinander – und das betrifft nicht nur uns, sondern die ganze Hochschule, egal ob Studierende oder Lehrende!
3. Der AStA steht für den Blickwinkel seiner Generation.

Apropos Blickwinkel. Wenn wir aus einem Fenster der Hochschule schauen, beispielsweise aus einem der Theorieräume, fällt unser Blick auf die Stadthalle. Diese hat in ihrer Funktion als Universitätsbibliothek nun ausgedient und wird vorraussichtlich ab Dezember dieses Jahres die Landes-erst-aufnahme-stelle für Flüchtlinge werden. Etwa 400 Menschen, von denen viele traumatisiert sind und Schreckliches durchgemacht haben, werden quasi direkt neben unserer Haustür leben.
Das ist eine Tatsache, die sich nicht ignorieren lässt und die sowohl Chancen, als auch Verantwortung mit sich bringt. Wir alle, ob Studierende, Lehrende oder Mitarbeiter müssen uns als Musiker und Menschen dieser Verantwortung stellen. Dabei sollte es für uns Studenten keine Rolle spielen, ob wir ein pädagogisches oder künstlerisches Fach studieren. Wir müssen uns fragen, wie wir uns als Musikhochschule Freiburg positionieren. Wie stehen wir dazu?
Flüchtlinge sind in so einer provisorischen Wohnsituation nur notdürftig untergebracht, haben keine Privatsphäre und sind meist von der Gesellschaft isoliert, was die Sprachbarriere nicht gerade kleiner macht. Sie in die Gesellschaft zu integrieren, sie teilhaben zu lassen, egal ob sie nur kurz oder länger bei uns sind, ist keine leichte Aufgabe. Als eine internationale Musikhochschule mit einem Bildungsauftrag haben wir zahlreiche Möglichkeiten unseren Teil dazu beizutragen, zu helfen und selber viel zu lernen. Wir haben ein Netzwerk, dass sich nützen und erweitern lässt, wenn wir uns nur einmal umschauen. Kooperationen mit Bildungsstätten und Insitutionen sind möglich. Zahlreiche Projekte wurden bereits initiiert und sind teilweise schon in vollem Gange. Man könnte auch hier Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen, so wie es der Verein Schlüsselmensch tut, die PH ist schon eingestiegen. Am Stadttheater gibt es das Heim und Flucht Orchester, in dem junge Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen kreativ ihre Musik in das Repertoire miteinbringen. Es gibt das Projekt MusiCasa, bei dem Studierende der Musikhoschule wöchentlich an Grundschulen Musik mit Flüchtlingskindern machen.
An der Musikhochschule könnte man freien Eintritt für Konzerte anbieten, Gesangs, Tanz oder Instrumental Workshops organisieren, Klangspaziergänge oder Weltmusikkonzerte, bei denen jeder seine Musik und im Anschluss daran vielleicht sein Essen präsentiert und man so ins Gespräch kommen kann. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Schlussendlich ist ein Mensch aber kein Projekt, sondern ein Mensch. Und auch wenn der Aufenthalt dieser Menschen hier befristet sein wird, können wir unserer Meinung nach dazu beitragen, ihn zu erleichtern, oder gar zu verschönern. Wenn wir Musik schon immer so schön als universale Sprache bezeichnen, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sie auch zu benutzen.

Die aktuelle Flüchtlingssituation zeigt uns, und besonders auch uns Musikern, wie wichtig es ist, engagiert zu sein, und in Austausch mit anderen zu treten. Wir Musiker und Studierende der Musik sollten uns jetzt besonders dazu animiert fühlen, der gesellschaftlichen Relevanz dessen, was wir tun, bewusst zu werden. Wir sollten uns fragen, für wen wir musizieren – außer für uns selbst.
Dass diese Grundsatzfrage auch für die berufliche Zukunft von uns Studierenden äußerst relevant ist, zeigen bspw. die Spardebatte bzgl. der Musikhochschulen Baden-Württembergs im vergangenen Kalenderjahr oder die Fusionierung der Orchester des SWR. Klassische Musik scheint an politischem wie gesellschaftlichem Stellenwert zu verlieren. Eine geradlinige Laufbahn, das heißt nach dem Studium eine feste Stelle im Orchester oder in einer Musikschule zu bekommen, betreten nur wenige. Im Gegenzug dazu werden Aufgaben, die selbstständig und in Eigenverantwortung durchgeführt werden, immer wichtiger, bspw. Konzertorganisation, Educationprojekte oder interdisziplinäre Projekte. Das freie Berufsfeld bietet dabei immense Chancen eigene Ideen umzusetzen, schöpferisch tätig zu sein, und in einen lebendigen Austausch zwischen Musik und Gesellschaft zu treten – ein Austausch, den etablierte Formate der klassischen Musik nicht mehr erreichen.
Dass wir Studierende die neuen Aufgabenbereiche kennen und ebenso annehmen möchten, zeigt der in diesem Jahr von Studentinnen und Studenten gegründete Kulturverein „zeug und quer e.V.“, der bereits ein halbes Jahr nach seiner Gründung zahlreiche studentisch initiierte und organisierte Projekte hervorgebracht hat, darunter auch das von Julia erwähnte „MusiCasa“. Allerdings schwindet in der Dichte des Studienplans das Potenzial, Ideen und Projekte zu verwirklichen, die uns am Herzen liegen – die unser Musizieren in einen viel lebendigeren Austausch mit der Gesellschaft bringen könnten, als die Routine des hochschulischen Alltags. Daher möchten wir uns als AStA dafür einsetzen, dass studentische Projekte, die außerhalb des regelmäßigen Studienplans durchgeführt werden, auch innerhalb der Hochschule Anerkennung finden. Beispiele dafür könnte die fachliche Beratung durch Lehrende der Hochschule sein, die Hilfe bei Vernetzung mit kulturellen Institutionen und Sponsoren, Scheine, die sich nicht auf den Besuch von Lehrveranstaltungen, sondern auf das Durchführen eines Projektes beziehen, oder projektfördernde Stipendien.
Damit würden wir Studierende nicht nur besser auf unser zukünftiges freies Berufsfeld vorbereitet, sondern auch dazu animiert, darüber nachzudenken, weshalb wir eigentlich Musik studieren.

Und wer, wenn nicht wir Musikstudierende, hat denn solch gute Voraussetzungen, die Möglichkeit, sowie das Potential, solche Projektideen wie jene, die zuvor genannt wurden, zu realisieren? Deshalb möchten wir besonders euch Studierende aufrufen: Engagiert euch! Nehmt Teil am politischen Geschehen der Hochschule, sowie am politischen Geschehen außerhalb der Hochschule. Startet eure eigenen Projekte, verwirklicht eure Ideen, tretet in Austausch mit anderen Studierenden und Lehrenden, mit ausländischen Studierenden – kurzum: einfach mit allen Leuten, mit denen ihr gerne eure Ideen teilen möchtet. Wir sind überzeugt davon, dass von diesen Ideen bereits zahllose in euch keimen, die nur darauf warten, ihre Wurzeln in der Realität auszufahren. Grabt diese Wurzeln immer tiefer in den Boden ein, festigt sie und zeigt Eigenverantwortung! Denn dann – und zwar nur dann – werden wir Musiker unserem Auftrag gegenüber uns selbst, wie auch gegenüber der Gesellschaft gerecht. Und dann – und zwar nur dann – gestalten wir das musikalische Leben aktiv mit.

Sind wir bereit, diese Verantwortung zu übernehmen?

In the mind of…

An dieser Stelle möchten wir zum kulturellen Austausch anregen. Hast du ein tolles Buch, einen Lieblingsfilm oder Musik, die die ganze Welt hören soll und die du unbedingt weiterempfehlen möchtest? Was beschäftigt dich oder hat dein Leben geprägt?
Hier hast du die Möglichkeit dazu! Schick uns einfach deine persönliche „in the mind“- Liste und wir veröffentlichen sie. Dieses Mal:

In the mind of Julia Scheurle
(nur eine kleine Auswahl)

Filme:

  1. Alles ist erleuchtet
  2. Forrest Gump
  3. The diary of Bridget Jones
  4. Amelie
  5. Chocolat
  6. Inception
  7. Buena Vista Social Club
  8. Alphabet

Bücher:

  1. Antoine de Saint-Exupeŕy : Le petit prince
  2. Jonathan Safran Foer: Extremly loud and incredibly close
  3. Hanns Joseph Ortheil: Die Erfindung des Lebens
  4. Oscar Wilde: The picture of Dorian Grey
  5. Patrick Süßkind: Das Parfüm
  6. Sándor Márai: Die Glut
  7. Günther Grass: Die Blechtrommel
  8. Johann Wolfgang von Goethe: Faust
  9. Paul Mercier: Nachtzug nach Lissabon

Musik:

  1. Jamie Cullum: just one of those things, you and me are gone, singing in the rain (ach, alles!)
  2. Buena Vista Social Club: dos gardenias, chan chan, commandante
  3. Ella Fitzgerald: cry me a river, round midnight
  4. Stevie Wonder: supersticious, higher ground
  5. The Beatles: Michelle, can’t buy me love, me mine
  6. Queen: fat bottomed girls, bohemian rhapsody, come on baby drive my car, because
  7. Georg Gershwin: rhapsody in blue, summertime
  8. Leonard Bernstein: westside story, on the town
  9. Rage against the machine: killing in the name of
  10. China Moses: mad about the boy, hot stuff

Unterrichten aus dem Kochbuch

Warum das Ansammeln pädagogischer Rezepte für den Musizierunterricht noch nicht ausreicht

Vor Kurzem war ich Teilnehmer einer musikpädagogischen Fortbildung, bei der eine bestimmte Methode des Musizierunterrichts vorgestellt wurde. So sinnvoll ich diese Methode auch finde, so schwer verdaulich blieb mir doch die Veranstaltung im Magen stecken. Warum? Es war die Art und Weise, wie mit der Methode umgegangen wurde, es war der Boden, in den sie gepflanzt war. Dieser Boden war durch und durch leistungsorientiert. Nicht die ganzheitliche Erfahrung des Lernenden und die Musik standen im Vordergrund, sondern schlicht die am Ende erbrachte Leistung. Zu meinem Entsetzen gab es trotzdem aufrichtigen Beifall und ein fast durchweg positives Feedback.

Immer wieder habe ich das Gefühl, dass Pädagogen im Allgemeinen mehr darüber nachdenken, was und wie sie etwas unterrichten möchten, anstatt zu hinterfragen, warum sie dies tun. Das Handwerk und konkrete Rezepte pädagogischen Handelns werden mehr reflektiert, als die Basis, warum sie eigentlich pädagogisch tätig sind. Beispielhaft beschwert sich eine Studentin in einem kürzlich auf Spiegel Online erschienenen Artikel über die Inhalte eines grundlegenden erziehungswissenschaftlichen Seminars mit dem Thema „Psychologie des Lernens“ und lechzt anstelle dessen nach Rezepten und ganz praktischen Methoden für den Unterrichtsalltag.
Überspitzt formuliert könnte man also sagen, dass Instrumentallehrende mehr darüber nachdenken, wie sie ihren Lernenden eine Tonleiter beizubringen haben, als darüber, warum sie dies überhaupt tun – noch viel weiter, warum sie überhaupt Musik unterrichten. Hierbei möchte ich allerdings das Denken über Methoden, über praktische Rezepte und das Was und Wie nicht abwerten. Im Gegenteil: die Reflexion und Diskussion darüber ist genauso sinnvoll und sollte ständig aufrecht erhalten werden. Allerdings darf sich dieses Nachdenken nicht dem grundsätzlichen Nachdenken darüber, was die Tätigkeit des Musizierpädagogen in ihrem Kern bedeutet, überordnen. Dieses Nachdenken sollte genauso lebenslänglich praktiziert werden, wie das Nachdenken über praktische Methoden und Rezepte.

Die Frage nach dem Urgrund, warum wir Musik unterrichten, möchte ich hier einmal pauschal damit beantworten, dass wir durch den Unterricht schlicht Freude und Glück beim Musizierenden lebendig halten möchten, was idealerweise auch über den Unterricht hinaus Wirkung zeigt. Doch was bedeutet das? Meines Erachtens geht dies nur durch vollkommen ehrlich gemeintes Ernstnehmen des Lernenden, sowie der Musik. Der Lernende, wie auch die Musik sind ihrem Wesen nach lebendig, so sollte das Wahrnehmen dieses Lebendigen jede pädagogische Handlung durchziehen. In einem leistungsorientierten Unterricht mangelt es an dieser Art von Wahrnehmung. Leistungen im herkömmlichen Sinne sind von außen festgelegte Ziele, die mithilfe bestimmter Methoden effektiv erreicht werden können. Die Fixierung des Unterrichtens auf das Erbringen festgelegter Leistungen bedeutet automatisch die Missachtung des Lebendigen in Mensch und Musik. Menschen lernen nicht auf geradlinigen und steuerbaren Bahnen, genau so wenig wie Musik planbar entsteht. Gerade das Loslassen von der Fixierung auf zu erbringende von außen vorbestimmte Leistungen ermöglicht unvorhergesehene wie vielseitige Erfahrungen, die viel mehr Raum für einen nachhaltigen Bildungsprozess des Lernenden und für musikalische Erlebnisse öffnen. Und darum geht es uns doch eigentlich: Um Raum für Musik und Raum für die Identifikation des Lernenden mit der Musik. Dann entstehen Leistungen, die viel mehr Applaus verdient haben als das bloße Erfüllen vorgegebener Anforderungen, da sie ehrlich und aus dem Musizierenden selbst entstanden sind.

Bei oben genannter Fortbildung musste ich leider erleben, wie wenig Sinn eine gut gemeinte und durchdachte Methode macht, wenn sie nicht auf dem Urgrund des Musizierunterrichts aufbaut. Das Nachdenken, Ausprobieren und Zu-eigen-Machen verschiedenster musikpädagogischer Methoden halte ich grundsätzlich für äußerst wichtig und sinnvoll. Für genauso wichtig halte ich aber das Nachdenken über den allgemeinen pädagogischen Kontext, in dem ich die Methoden einsetze. Was nützt ein reichlich gefüllter Korb an guten Methoden, ein Kochbuch voller pädagogischer Rezepte, wenn es dabei nicht um das geht, um das es im Musikunterricht eigentlich gehen sollte: um das Musizieren.

ANNYEONG, QUÉ TAL? … MACH’S GUT, SALUT!

y tú que lengua hablas?

Eine deutsche Übersetzung findest du unten in den Kommentaren.

Aprovechando la creación de este Blog, creímos interesante destinar un espacio dónde las distintas nacionalidades y culturas que conforman nuestra escuela, se vieran en él representadas, intentando así propiciar un poco más la interacción entre ellas. La idea principal consiste en que cada edición del Blog lleve un apartado escrito en una lengua distinta, escrito por alumnos de la escuela que tengan ganas de compartir reflexiones y pensamientos de todo tipo, informarnos sobre proyectos o simplemente ganas de dar a conocer una poco más cosas sobre una cultura, así como mostrarnos una faceta de ella que quizás para muchos es aún desconocida, etc.
En este caso, me ha parecido muy apropiado empezar con una pequeña reflexión sobre el uso del Alemán como lengua a priori “más hablada” en nuestros pasillos! Cualquiera que tenga un poco de vista se habrá fijado que la variedad de culturas en nuestra escuela es muy amplia, y aquél que incluso se haya parado a pensar en ello habrá notado que el uso del Alemán a veces deja un poco que desear.
Llegados a este punto, creo que no sirve de nada nombrar si hay grupos que pueden o no pueden hablar el idioma, sino que querría hacer una llamada a las razones por las que aprender Alemán. Creo que ya no es solo obvio que el conocimiento del idioma aporta muchas más facilidades, permite una mejor integración y sin duda mejora la calidad de la estancia de los extranjeros en el país, pero no os sentís (a todos aquellos que sean inmigrantes en Alemania) un poco con el derecho y obligación moral de aprender el idioma si decidimos vivir aquí? No es una pretensión un tanto egoísta llegar a un sitio dónde te acogen y solo querer aprovecharse de las posibilidades que te dan sin siquiera agradecérselo hablando un poco dignamente su idioma? Visto de un punto de vista más positivo, aprender un nuevo idioma no solo te ayuda personalmente a desarrollarte como persona o a encontrar más fácilmente trabajo, sino que puede resultar ser una experiencia de intercambio de culturas muy enriquecedora!

Aprender un idioma no es fácil y menos cuando se trata del alemán. Por eso también cabe tener en cuenta el vacío que en este caso la escuela muestra en cuanto a recursos de los extranjeros para poder aprender alemán. De entrada todos los estudiantes de Máster no necesitan tener ningún conocimiento de alemán, lo cual puede ser comprensible cuando se quiere favorecer la calidad de los aspirantes a entrar en la escuela. Aún así, no significa que como ocurre en otras escuelas no haya, aunque sea después de un año, algún tipo de prueba a hacer dónde uno pueda/deba demostrar un poco sus conocimientos de la lengua, y así su interés de integración a la sociedad alemana.
A menudo podemos observar también que distintas universidades o conservatorios de Alemania ofrecen un curso de alemán vinculado a la escuela. Aún siendo también el caso de Freiburg, debo decir como asistente hace un par de años a ese curso que el nivel de aprendizaje es realmente muy bajo. No debería la escuela proporcionar un curso mejor?
Estoy de acuerdo que muchos vais a pensar que no hay dinero suficiente para eso y que cada uno se debería buscar la vida, pero si me permitís la observación, yo estudié en un conservatorio en Barcelona dónde una puerta podía estar tranquilamente sin arreglar durante 4 años por falta de dinero… eso es no tener dinero! Sin duda en Freiburg hay más dinero, así que porque no destinar una parte de este dinero a hacer un curso competente de alemán? No habría de este modo una mejor integración? Quizás podría incluso la escuela llegar a funcionar mejor gracias a esa mayor unión?
Debemos tener en cuenta que muchos de los estudiantes extranjeros necesitan cantidades enormes de dinero tanto para obtener un visado, como para pagarse los viajes de avión para ver a su familia, etc. Las dificultades económicas, puedo asegurar que son para la mayoría de extranjeros cuanto menos altas, sobre todo teniendo en cuenta que los estudiantes de procedencia alemana suelen tener más ayudas para afrontar los estudios. Pensemos por favor en esta posibilidad del curso o en su defecto buscar algún tipo de acuerdo con academias de alemán dónde se puedan ofrecer buenos descuentos! Creo que nos podría beneficiar a todos…

De todos modos no debemos olvidar que no todo es el dinero. Muchas veces no recordamos que esta gran variedad cultural es en realidad para nosotros un gran privilegio! No estaría de menos organizar distintas actividades entre países para fomentar el uso de la lengua. Conozco gente que hace partidos de fútbol por países (porque no organizar un torneo?). Para el aprendizaje de la lengua serian seguramente también muy saludables iniciativas como el “running dinner”, cenas culturales o proyección de películas en versión original. Y no nos olvidemos del “clásico” tándem! Creo que han llegado a surgir incluso bonitas historias de ello…

Señores aprovechad la oportunidad! Aprended el idioma tanto como podáis, si no lo hacemos ahora no lo haremos nunca! Aprended todos los idiomas que podáis! nunca os harán daño y seguramente nunca tendréis una oportunidad tan buena de tener un tipo de contacto tan cercano con tanta gente de diferentes países dispuesta no solo a aprender música sino a aprender de sus compañeros, de sus distintas culturas y de la vida en general.

Master Musikpädagogik – Was ist das eigentlich?

Sie diskutieren lautstark, hängen Plakate im Übekeller auf, bespielen Klangbäume im Foyer und lassen Geiger ebenda auf einer kuriosen Platte stehend Tonleitern spielen. Manchmal laufen sie auch stumm wie Zombiegruppen herum (Geheimnislüftung: das Ding nennt sich „Klangspaziergang“) oder machen sich abends bei hervorragendem Weißwein und Tapas manchmal mehr und manchmal weniger utopische Gedanken um die Gegenwart und Zukunft der (Musik)Welt.
Auch du kannst Spaß an solch seltsamen Dingen haben, denn jawohl, man kann das studieren! Masterstudium Musikpädagogik nennt sich der Spaß, ein von Andreas Doerne und Michael Stecher ins Leben gerufener Studiengang, der im Wintersemester 2013 erfolgreich angelaufen ist.

Das Motto: Sei Künstler und Pädagoge zugleich!

Neben hochwertigem Instrumentalunterricht (man kann bei Wunsch auch ein Nebenfach neben dem instrumentalen Hauptfach belegen) erhalten die Studierenden Einblick in vielfältige musikalische und pädagogische Bereiche, um dann durch die gegebenen Impulse die Themen zu vertiefen, die sie am meisten interessieren. Dies geschieht in Form von selbstständig organisierten Projekten. Am Ende stehen neben diesen 2-3 pädagogischen oder künstlerischen Projekten noch eine Masterarbeit und ein künstlerisches Abschlusskonzert, das möglichst frei und kreativ gestaltet werden soll. Soll heißen: es gibt nicht nur eine richtige Konzertform, sondern eine Vielzahl von Facetten und Formen der Kunst, die alle untrennbar miteinander verbunden sind. Es gibt viele Möglichkeiten ein Konzert innovativ, individuell, kreativ und gleichzeitig künstlerisch hochwertig zu gestalten!

Die 10 Themenbereiche des Master Musikpädagogik:

  • Instrumentale und vokale Unterrichtspraxis
  • Kreatives Musizieren
  • Hören und Spielen
  • Musik und Bewegung / Der Körper als Instrument
  • Elementare Musikpädagogik & Musikgeragogik
  • Popularmusik / Musik der Welt
  • Digitale Medien / Musikproduktion
  • Konzertpädagogik / Education-Arbeit
  • Musikalische Erwachsenenbildung / Fortbildung (oder auch „grundlegende gesellschaftliche Zusammenhänge erkennen – aha-Effekte garantiert“)
  • Musizieren und Gesundheit

3 Hauptfachmodule:

  • individueller künstlerischer Instrumentalunterricht, sowie instrumentenübergreifende Klassenstunde
  • Musizierpädagogik (inkl. hochspannendes Literaturseminar)
  • Masterarbeit

Nach den ersten zwei Semestern folgt eine individuelle Vertiefung der einzelnen Themenbereiche mit Raum und Zeit für eigene künstlerische und pädagogische Ideen.

Wer mehr wissen will, kann sich auf der Homepage der Musikhochschule Freiburg über den Studiengang informieren oder uns einfach anquatschen.
Die derzeitigen 7 sind: Cordula Fels, Miriam Barduhn, Konstantin Dupelius, Ernest Martinez Solà, Leonore Gäbel, Claudia Oltzscher und meine Wenigkeit.

Mein persönliches Fazit am Ende des 2. Semesters:

Ich bin begeistert, fühle mich ernst genommen und inspiriert. Es gibt Zeit und Raum für Kreativität und eigene Gedanken. Die kleine Gruppengröße (max. 7 Leute pro Semester) garantiert tolle Diskussionen, da jeder zu Wort kommt und seine eigenen individuellen Fähigkeiten und Erfahrungen (jeder hat einen anderen Hintergrund) mit einbringen kann. Auch der vielfältige Austausch mit den Lehrenden findet in den allermeisten Fällen auf Augenhöhe statt. Ich habe über viele verschiedene Musikstile etwas gelernt und das erste Mal tolle Improvisations- und Jamsessions erlebt. Es tun sich auf einmal so viele neue Welten auf und ich merke, dass ich viel mehr Möglichkeiten habe, als ich dachte. Ich genieße es auch wieder sehr, Texte zu lesen und dazu angeregt zu werden, in größeren Zusammenhängen über Dinge nachzudenken. In der instrumentenübergreifenden Klassenstunde lerne ich etwas über andere Instrumente, sammele mehr Vorspielerfahrung und lerne auch etwas für meine eigene Unterrichtspraxis. Ich habe spannende Einblicke in digitale Medien/Musikproduktion und in die Musikvermittlung und Konzertpädagogik bekommen (der Ausflug in die Kindermusikwelt „Toccarion“ im Festspielhaus Baden Baden war sicher ein Höhepunkt des letzten Semesters). Der Einblick in verschiedene musikalische/pädagogische Berufsfelder hat meinen Horizont erweitert. Ich wusste z.B. vorher praktisch nichts über die elementare Musikpädagogik und überlege nun auf Grund der Impulse in diesem Bereich, dieses Fach auch noch zu studieren. Meine Wahrnehmung und mein Körperbewusstsein hat sich verändert (auch durch die musikalischen Bewegungsstudien bei Emma Jordan), die Vielfalt tut mir gut und ich realisiere mit Freude:

Ich studiere wieder Musik und nicht nur ein Instrument!

Über Musik, Pädagogik und Sprache

Musik ist eine Sprache der Gefühle. Wahrscheinlich spielt jeder Musiker mit Gefühl, wenn er spielt, obwohl es bei manchen deutlicher ist als bei anderen. Es ist aber sehr hilfreich, wenn man sich die in der Musik vorhandenen Emotionen bewusst macht. Hierzu kann man beispielsweise einzelnen Abschnitten eines Stücks Überschriften geben, ihnen Eigenschaften zuordnen, sie mit Bildern versehen, sich Farben vorstellen, die Musik ausschließlich mit Bewegungen nachvollziehen, mit ihr eine komplette Geschichte erzählen, und vieles andere mehr. Der Fantasie und der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Durch eine solche Arbeit nimmt man den Ausdrucksgehalt eines Musikstücks intensiver wahr.

Wenn man Musik als Sprache auffasst, ist es logisch und konsequent, das Musiklernen an das Lernen einer Sprache anzugleichen. Musik lernt man durch Musik am besten. Wenn ein Instrumentalschüler viel Musik hört, wird er vermutlich irgendwann von allein anfangen, einzelne Töne, kurze Tonfolgen, Motive, später auch ganze Phrasen nachzuspielen. Er wird in der Lage sein, die Töne selbständig zu sinnvollen Mustern zu verbinden, so wie es in der Sprache mit Worten und Sätzen auch geschieht. Mit der Zeit werden sich seine Phrasen erweitern, komplizierter und kunstvoller werden. Er wird seinen musikalischen Wortschatz erweitern, verschiedene Stile kennen lernen und auch lernen, sich in ihnen auszudrücken. Die sprachliche Entsprechung wäre hier wohl die Unterscheidung zwischen einer formalen Ausdrucksweise, einer Amtssprache, der Umgangssprache usw. Und eigentlich ist es erst an dieser Stelle sinnvoll, mit dem Lesen, sprich: Interpretieren, von Musik anzufangen. Wenn man die Notenschrift erlernt hat, sollte man sich konsequenterweise auch im eigenen Schreiben, also im Komponieren üben. Und nicht zuletzt sollte das freie Sprechen, also das Improvisieren geübt werden.
Sprache hat eine Logik. Musik hat eine Logik. Beides ist ohne Erklären erlernbar und verstehbar.

Beim Üben kann man davon sprechen, dass man eigentlich nicht eine Sache, ein Stück oder eine technische Fertigkeit, sondern sich selbst übt. Durch Üben und Lernen gelangt man zu sich selbst und lernt sich selbst kennen. Man entwickelt sich zu dem, der man ist. Üben ist ein „Wachsen an den eigenen Möglichkeiten“ (Johanna Metz, Wort, Klang, Bewegung. Elementare musikalische Bildung im späten Erwachsenenalter, unbekannter Ort, 2011, S. 41). Wenn man „ent-wickeln“ wörtlich versteht, kommt man auch zu der Ansicht, dass alle Fähigkeiten schon in einem Menschen vorhanden sind und gewissermaßen nur noch freigelegt werden müssen.

„Musizieren ist eine Tätigkeit, die den ganzen Menschen in all seinen Potenzialen fordert (Körperlichkeit, Emotionalität, Kognition, Wahrnehmung, Spiritualität, Kommunikation und Geschichtlichkeit).“ (Andreas Doerne, Projekttage Improvisation HfM Freiburg, unveröffentlichtes Handout, 2014, S. 2) Wenn etwas davon fehlt, hört man es und es kann nicht mehr als integrales Musizieren bezeichnet werden. Allerdings hört man heute kaum mehr etwas anderes, sodass wir uns an diesen etwas unvollständigen Klang gewöhnt haben und trotzdem mit ihm zufrieden sind. Es ist schwierig, aus diesem System auszubrechen, aber man sollte es wenigstens versuchen. Der Weg liegt möglicherweise im Unterrichten: Aus der Aufzählung der menschlichen Potenziale wird ersichtlich, dass Pädagogik darauf zielt, den Menschen zu sich selbst und zu seinen Möglichkeiten zu führen. Es geht darum, zu erkennen, welche Fähigkeiten ein Mensch in sich trägt und wie er diese entfalten kann.
Pädagogen sind als Künstler und als inspirierende Persönlichkeit gefragt.

Trotz allen Übens und Lernens darf man nie vergessen, dass man ein Instrument nicht „arbeitet“, sondern es „spielt“. Musizieren ist ein Spiel, welches – wie jedes Spiel – durch eine große Ernsthaftigkeit der Spielenden gekennzeichnet ist. Sie versinken quasi in ihrer eigenen Welt, erschaffen sich durch das Spiel eine eigene Wirklichkeit. Dadurch werden Erfahrung des Eins-Seins mit dem Spiel und die Flow-Erfahrung möglich. Der Mensch erfährt sich selbst im Spiel. Schon Schiller sagte, dass der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. Spielende sind ehrlich und authentisch.
„Wir alle brauchen die Musik, ohne sie können wir nicht leben.“ (Nikolaus Harnoncourt, Musik als Klangrede. Wege zu einem neuen Musikverständnis, Kassel 1982, S. 12) Ich stimme diesem Satz zu. Aber auf die Frage, ob sie sich ein Leben ohne Musik vorstellen können, haben doch einige Menschen in meinem Bekanntenkreis mit „Ja“ geantwortet.
Ich denke, mit Musik ist es möglich, Unsagbares auszudrücken. Musik ermöglicht durch ihren Ausdrucksgehalt ein Verständnis jenseits des Verstandes. Musik verbindet. Musik bewegt, manchmal bis zur Ekstase. Musik ist Kommunikation. Ist Sprache auch bereits Musik? Vielleicht könnte man eine bewusste Sprache, die ihre Worte, ihr Tempo und ihre Artikulation sorgsam wählt, als Musik bezeichnen. Etymologisch umfasst das griechische Wort „musiké“ Vers, Gesang, Sprache, Instrumentalspiel und Tanz. Vielleicht könnte man sagen, dass wir nicht ohne Kommunikation sein können – ob sie nun durch Gestik, Mimik, Sprache oder Töne geschieht. „Musica ad omnia extendere se videtur – Musik scheint sich auf alles zu erstrecken“ (Jacobus von Lüttich, ca. 1320).

Rhythmus in der Natur und in der Musik

Rhythmus macht lebendig. Nichts anderes macht lebendiger. Das mag vielleicht befremden – doch er ist das lebensspendende Element alles Organischen. Ohne Rhythmus wäre nichts. Schon ein kurzer Blick auf elementare Vorgänge in der Natur liefert uns ein unbestreitbares Zeugnis: Alle lebenden Geschöpfe empfangen ohne Unterlass vielerlei sich wiederholende Eindrücke, die von deren Umgebung ausgeübt werden und die immer wiederkehrende Verhaltensmuster aufseiten dieser Kreaturen zeitigen. Auf diese Einflüsse – zum Exempel können Finsternis, Sonnenlicht, Kälte, Wärme oder drohende Gefahren aufgeführt werden – antworten sie mit Schlaf, Regsamkeit, Veränderung des Herzschlages oder der Atmung. Nach bisherigen Erkenntnissen weist jedes Lebewesen solche Verhaltensmuster auf – sie sind lebensnotwendig. Keines fühlt sich berufen, uneinsichtig den verschiedenen Einwirkungen der Natur die gebotene Beachtung vorzuenthalten und ihnen zu trotzen. Selbst der Pflanzenwelt sind regelmäßig wiederkehrende Verhaltensweisen eigen. Es liegt in ihrer Natur, sich den natürlichen Schwankungen anzubequemen. Dieser sich wiederholende Wechsel, die ständige Wiederkehr gleicher oder ähnlicher Momente ist Rhythmus. Je nach gegebener Situation unterscheiden sich die Periodenlängen; sie sind nicht genau festgesetzt. Alles Organische kennt den Rhythmus, dem Anorganischen ist er fremd. Der Rhythmus ist der Fluss, die Veränderung, der Ausgleich – das Leben!

Wir bedienen uns auch in der Musik dieses Begriffes. Doch – leider! – wissen nur wenige um dessen tiefe Bedeutung. Allzu oft wird landläufig das Rhythmische mit Strenge, Genauigkeit und Takt in Verbindung gebracht. Der Takt ist das unerbittliche Schlagen, wie es uns ein Metronom eindringlich vorzuführen vermag. Mit diesem können wir eine Zeitspanne in mathematisch gleich große Teile aufspalten. Doch, so möchte ich fragen, kann ein so erbarmungsloses und rücksichtsloses Schlagen etwas Lebendiges schöpfen? Das gleichmäßige Schlagen zerteilt, zerschneidet organische Substanz, tötet sie ab. Es bewirkt die somatische Zersetzung, lässt dem Leben keinen Raum. Laufende Maschinen lassen uns ihren eisernen Takt vernehmen, aber sie leben nicht, sie arbeiten nur unermüdlich, ohne Seele, ohne Willen. Die Natur hingegen kennt den strengen, gleichmäßigen Schlag nicht, denn sie misst nicht in absoluter Zeit. Der Rhythmus verbindet Schwingungen, er lässt atmen und leben, er strebt nach Freiheit. Er ist der frische Wind, der durch die Bäume zieht und sie wiegt, oder über das Meereswasser streicht und es aufrauschen lässt. Er ist der Gegenpol zum Takt, denn er sucht nicht Stabilität, Steifheit und Berechenbarkeit, sondern Bewegungs-, Weisungsfreiheit, Wendigkeit und Tatkraft. Dass unser eigener Puls sich stetig ändert, wenn uns Freude, Traurigkeit, Angst, Zorn und dergleichen überkommen, bemerken wir alltäglich gar nicht. Doch wir würden unseren Rhythmus sehr wohl bemerken, wenn er stets gleich bliebe; er würde sich unserem Leben entgegenstemmen, würde uns einschränken, ja vielleicht sogar mit der Zeit vernichten. Takt ist die Ordnung; sie ist notwendig, doch sie darf gegenüber dem Rhythmus nicht vorwalten, sondern muss mit ihm ein harmonisches Verhältnis finden.

Die Ideale der Kunst sind nicht in der Natur zu finden – die Offenbarwerdungen dieser Ideale dagegen gleichen kleinen Schöpfungen, einem lebendigen Gebilde, einem atmenden Organismus. Die Natur kann uns also unterweisen, was Leben benötigt – und wir sind ein Teil der Natur – lernen wir also von uns selbst! Wir können Rhythmus an uns selbst erfahren, wenn wir uns beobachten. Es ist in der klassischen Musik ein Glück, dass Werke zwar in ihrer Äußerlichkeit niedergeschrieben wurden, doch Offenbarungen liegen noch im Verborgenen, sind nicht auf dem Papier zu sehen, sondern in sich selbst zu empfinden. Musik ‚ist‘ nicht, sondern sie ‚wird‘. Sie muss immer wieder neu erschaffen werden. Wir bedürfen des Mitschöpfers, der die Ideen des Werkes in sich aufnehmen und nachempfinden – und sie dann in Klang gießen kann. Nur zart empfindenden Seelen ist es vergönnt, zu einem Mitschöpfer zu werden, denn das Material, welches man vor sich liegen hat, ist noch unbelebt und delikat zu behandeln.

Jeder reagiert im Innersten anders beim Lesen auf die niedergeschriebenen Äußerlichkeiten. Der Feinfühlende erlebt selbst bei jeder kleinsten Änderung des Tonmaterials feine seelische Regungen. Diesen muss er höchste Achtsamkeit schenken, denn diese Regungen werden vom eigenen Durchleben des Werkes hervorgerufen. Soll also ein Werk in einer Aufführung von Leben durchpulst werden, muss selbst die verborgenste Anwandlung ihren Ausfluss finden. Diese selbstdurchlebte Strömung ist es, die den Rhythmus der Musik bildet. Er ist nicht an der Vergangenheit interessiert, nicht an der Zukunft, sondern an der Gegenwart. Versuchen wir dagegen, den Fluss der Musik gekünstelt umzuleiten oder sogar über unsere Regungen gänzlich hinwegzusehen, so erarbeiten wir einen unechten Rhythmus. Es ist, als zwängen wir uns selbst, nicht mehr unserer Atmung freien Lauf zu lassen, sondern sie zu kontrollieren, sie zu denaturieren und deren Perioden unter Zwang zu verändern. So können wir uns selbst schaden. Ebenso tun wir einem musikalischen Kunstwerk unverzeihliche Gewalt an, wenn wir dessen Lebensbedürfnisse aufgrund unserer Verschlossenheit nicht wahrnehmen beziehungsweise wahrhaben wollen. Wir dürfen dem Kunstwerk das Atmen nicht verweigern. Ebenso wenig dürfen wir es einer künstlichen Beatmung aussetzen. Wir müssen es atmen lassen, wie es seine Natur verlangt. Das ist der Rhythmus, der das Werk beseelen kann. Er ist ein göttliches Naturgesetz, mit dem wir vertraut sein müssen, sofern wir Lebendiges schaffen wollen. Ein metronomisches Schlagen ist ein Maßband, welches nur dazu dient, sich selbst einer Musterung zu unterziehen.

Leider leben wir in einer Zeit, in der Imitation die Oberhand gegenüber einer eigenen Auffassung gewonnen hat. Imitation nicht nur in Bezug auf einzelne Werke, sondern des Musizierens im Großen und Ganzen. Dass Musik ab Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts bis heute immer strenger und fester verankert wurde mit absoluten gleichmäßigen Zeitintervallen, bezeugen viele Tondokumente. Ich selbst sammle schon seit Jahren Aufnahmen aus längst vergangenen Zeiten. Man gewinnt dabei interessante Erkenntnisse: Das heutige Zeitverständnis in der Musik kann leicht imitiert werden, und genau deshalb wird es möglicherweise so eilfertig betrieben. Starr und mit dem Maßband absoluter Zeit vorzutragen kann sehr einfach sein. Nur wenig des ureigenen seelischen Empfindens bedarf es dessen. Unbelebtes Material entseelt liegen zu lassen, ist keine künstlerische Leistung. Hingegen ist es schwierig, ja eigentlich unmöglich, jenes Zeitverständnis, welches circa ein Jahrhundert und noch viel weiter zurückliegt, zu imitieren. Denn jeder große Künstler hatte, wie uns die historischen Aufnahmen – Gott sei Dank – dokumentieren, seinem eigenen Atem genügend Raum gegeben. Dieser kommt aus dem Innersten eines jeden und kann nicht imitiert werden. Jeder Versuch würde zu bedeutungslosen Ergebnissen führen – oder besser: überhaupt keinen Ergebnissen; ein Gefäß ohne Füllung, da keine aufrichtige Empfindung das organische Innere bildet – also ein totes Produkt. Das Lebendige ist in uns und kann nur aus uns selbst entstehen. Soweit wir auch in die Vergangenheit zurückblicken, Musik war immer rhythmisch, war immer Leben. Es gibt genügend unschätzbare Dokumente, die uns davon künden. Lasst uns den Geist der alten Zeiten bewahren und nicht sterben! Hans von Bülow sagte einmal: ‚Im Anfang war der Rhythmus.‘

Wollen wir uns das zu Herzen nehmen, so müssen wir unsere Aufmerksamkeit der Tatsache widmen, dass auf unseren eigenen Rhythmus mehrere Faktoren einwirken. Es erfließt uns daraus das bessere Verständnis, wie es sich beim Rhythmus in Musik verhält. Sie ist meist aus mehreren Klangebenen zusammengesetzt. In der Bestrebung der einzelnen Ebenen, einen Puls zu finden, entsteht eine Auseinandersetzung. Da jede Schicht verschieden in Beschaffenheit und Willen ist, sind diese Kontroversen sogar angemessen – und letztlich belebend. Sie suchen gemeinsam nach dem Rhythmus, der alle Teile zu einem Ganzen zusammenfügt und die Substanz mit Leben erfüllt. Und das bedeutet, dass eine Asynchronizität zwischen Stimmen entsteht. Während die eine sich nach Ruhe sehnt, versucht eine andere voranzutreiben, während eine weitere sich für die Mitte der beiden entscheidet. Das betrifft nicht nur die Tastenspieler, sondern auch Sänger und Kammermusiker. Leider erstrebt man nur noch ein Miteinander, anstatt dem Gegeneinander ebenso eine Daseinsberechtigung zu verleihen. Ein Mitschöpfer muss sich lösen von gegenwärtigen Hörgewohnheiten, denn unsere Zeit bringt Meisterwerke von wunderbaren Ideen zu häufig nicht mehr in voller Größe zur Geltung. Sie schenkt den Naturvorgängen keine Beachtung mehr. Spannungen erzeugen Reibungen – selbstverständlich lässt das die Oberfläche des Tönenden nicht glatt erscheinen. Aber ‚Perfektion‘ zielt auf einen spiegelblanken Überzug ab. Diese beraubt uns so vollkommener Möglichkeiten, Leben zu erschaffen! Die Perfektion ist für einige ein händeringend ersehntes Ziel. Doch sie ist zugleich auch Endstation. Der Rhythmus zeigt uns einen anderen Weg, der in die entgegengesetzte Direktion führt – den Weg zum wahren Ziel, zum Leben, zur Kunst.

Der Gang zu leichter erreichbaren Zielorten, die unter der Herrschaft vom hartherzigen Takt stehen, bedeutet das Ende unserer Kunst. Wir Musiker sollten uns als Dienstleistende betrachten – im Dienst der Kunst. Wir haben uns einer hohen Aufgabe verschrieben – ein Mitschöpfer zu werden bedeutet, sich auf gleiche Sonnenhöhen wie der Ideenschöpfer zu begeben. Der Weg dorthin ist steil und unbequem. Die Aufgabe, diese hohen Gipfel zu erklimmen, war schon immer nur durch Eigenwille und Beherztheit zu bewältigen. Generationen um Generationen müssen diesen Weg gehen, um die Kunst am Leben zu erhalten. Gegenwärtig befinden wir uns in keiner beglückenden Zeit, denn wir verlieren unsere Aufrichtigkeit, haben Scheu, uns selbst als Schöpfer zu sehen, wollen lieber äußerlich ordentlich aussehen als in unserem Inneren Ehrlichkeit walten zu lassen. Unsere Aufgabe ist es, künstlerische Keimzellen großer Meister in uns aufzunehmen, gedeihen zu lassen und anderen von diesen in uns gereiften, herzhaften und vollen Früchten zu geben. Sodann ist unsere Schuldigkeit getan. Dazu müssen wir allerdings erst in uns selbst einen nahrhaften Boden legen, der ganz der Natur unserer Seele entspricht. Denn wir laufen seit mehreren Dezennien bereits Gefahr, dass unsere vielfältigen Auffassungen von Musik gänzlich verloren gehen, und haben letztlich nur noch gleich geformte und eintönig schmeckende Ernte-Erträge aus einem einzigen umfassenden Treibhaus anzubieten, die uns einst langweilen werden.